Samstag, 3. März 2012

Putin und die Medien


Der Gestank des KGB
Von Matthias Schepp, Moskau
Putin und die Medien: Die Wahrheit bin ich
Fotos
DPA
Wladimir Putin verachtet Journalisten, der Ex-KGB-Offizier zieht Geheimdienstaktionen und Hinterzimmer-Deals dem Licht der Öffentlichkeit vor. Wenn Russlands starker Mann Medienleute in seine Nähe lässt, dann nur, um sie zu manipulieren - oder ihnen zu drohen.
Kaum war Wladimir Putin in den Kreml eingezogen, setzte er zu einem Frontalangriff auf die Pressefreiheit an. Nur fünf Wochen nach seiner pompösen Amtseinführung ließ der frischgewählte Präsident im Juni 2000 den Medienmagnaten Wladimir Gussinski festnehmen. Der Oligarch hatte über seinen Fernsehkanal NTW die Grausamkeiten russischer Truppen im Tschetschenien-Krieg anprangern lassen und Putin mitten im Wahlkampf in einer Satire-Sendung als hässlichen Giftzwerg lächerlich gemacht, als eine Art russische Wiedergeburt der Kunstfigur Klein Zaches des deutschen Dichters E.T.A. Hoffmann.

Putin, der als ebenso nachtragend wie rachsüchtig gilt, drängte Gussinski ins Exil. NTW ließ er vom staatlichen Energieriesen Gazprom aufkaufen und auf Linie bringen. Erst Anfang Februar diffamierte der Sender die Anführer der Moskauer Protestbewegung als vom Ausland finanzierte Büttel Amerikas. Bis heute dient der Sender als Waffe, um Putin- und Kremlgegner mit Schmutzkampagnen zu überziehen - und als Bühne, um Putin zu preisen. Am Ende eines schmutzigen, harten und an Manipulationen reichen Wahlkampfes wollte NTW am Freitagabend ursprünglich auch Hubert Seipels Dokumentation "Ich, Putin" zeigen, die am vergangenen Montag in der ARD zu sehen war. Nach einem Protest der Wahlbehörden nahm der Sender den Film kurzfristig aus dem Programm - das russische Wahlgesetz verbietet von Freitag-Mitternacht bis zur Wahl am Sonntag jegliche Agitation.
Der Hamburger Regisseur kam Putin nahe wie kaum einer, sein Film zeigt auf ambivalente Weise den gefährlichen Charme des Kreml-Chefs, dem bisweilen auch Journalisten erliegen. Doch Putin verachtet Journalisten. Als eingefleischter Geheimdienstler und ehemaliger KGB-Offizier zieht er klandestine Operationen aus dem Hintergrund dem Rampenlicht der Öffentlichkeit vor. Jeden Abend füllt er die Hauptnachrichten, Journalisten aber hält er gewöhnlich auf Distanz. Sie sind nicht mehr als Erfüllungsgehilfen für seine aufwendigen Propagandainszenierungen, seine Showeinlagen bei der Jagd oder am Klavier.
Putin im angeheiterten Zustand
Bei Putins öffentlichen Auftritten begleitet ihn der sogenannte Kreml-Pool, ein Tross von mehr als zwei Dutzend handverlesenen Journalisten. Anders als in Amerika oder Deutschland reisen die Journalisten nicht mit dem Präsidenten oder Ministerpräsidenten in einem Flugzeug. Sie sind Teil des Vorauskommandos.
Jelena Tregubowa, die inzwischen im Londoner Exil lebt, gehörte zum Kreml-Pool. Fünf Jahre lang hat sie für die Tageszeitung "Kommersant" über die Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin berichtet. In ihrem Buch "Die Mutanten des Kreml. Mein Leben in Putins Reich" enthüllte sie die Regeln, die Putins Pressesprecher schon zu Beginn der ersten Präsidentschaft Putins aufgestellt hatte: Erstens, jeder kann schreiben, was er will, aber keiner soll sich wundern, wenn er beim nächsten Präsidententermin nicht mehr dabei ist. Zweitens, keiner hat das Recht, dem Präsidenten eine Frage zu stellen, die nicht vorher abgesprochen ist. "Es roch nicht nur nach dem Geist des KGB, es stank danach", fasst Tregubowa zusammen.
Jelena Dikun, eine andere Kreml-Journalistin, die inzwischen für den Ex-Premierminister und Oppositionspolitiker Michail Kasjanow arbeitet, erinnert sich daran, wie Putins Verhalten auf seinen Reisen nicht immer dem Image entsprach, das seine PR-Berater der Öffentlichkeit präsentieren. Sie habe Putin, der landesweit als Alkoholgegner gilt, durchaus in angeheitertem Zustand erlebt. "Putin war im Kontakt mit Journalisten unsicher", sagt Dikun. "Ihre Fragen stören ihn bei der Machtausübung."
Putin schaltet dann gerne auf Angriff um. Einen westlichen Reporter, der 2002 bei einer Pressekonferenz in Brüssel nach dem Krieg in Tschetschenien fragte, blaffte er an: "Wenn Sie unbedingt zum islamischen Fundamentalisten werden wollen, lade ich Sie nach Moskau ein." Dort würden dann Experten eine Beschneidung vornehmen und "zwar so, dass nichts mehr nachwächst".
Landesverräter und Nestbeschmutzer
Russische Reporter, die Kritik am eigenen Land äußern und Missstände aufdecken, betrachtet Putin schnell als Landesverräter und Nestbeschmutzer. In sowjetischer Tradition sieht er in Medien ein Propagandainstrument. Journalisten sollen keinesfalls als vierte Gewalt die Regierung kontrollieren, sondern ihr dabei helfen, das Volk besser zu beherrschen.
Der Revolutionsführer und Begründer der Sowjetunion, Wladimir Iljitsch Lenin, hatte 1922 seinen gefürchteten Geheimdienstchef Felix Dscherschinski, genannt der "Eiserne", schriftlich eine Anweisung zukommen lassen. Jedes Regierungsmitglied solle wöchentlich mindestens zwei bis drei Stunden zur persönlichen Kontrolle der Presse aufwenden.
Putin erwies sich als gelehriger Schüler Lenins. Im dreizehnten Jahr der Herrschaft Putins kontrolliert der Kreml die drei wichtigsten Fernsehanstalten und über kremlhörige Oligarchen wie den Metallmagnaten Alischer Usmanow auch die meisten einflussreichen Zeitungen. Der Putin-Freund Jurij Kowaltschuk hat ein schlagkräftiges Medienimperium aufgebaut, das in diesen Tagen pausenlos für die Wiederwahl Putins trommelt. Sein Boulevardblatt "Twoi Den", übersetzt "Dein Tag", druckte kürzlich eine Titelgeschichte, die den Oppositionsführer Boris Nemzow beim Urlaub in den Arabischen Emiraten mit einem angeblichen Callgirl zeigt. Tatsächlich ist die junge Frau seit drei Jahren Nemzows Freundin.

 Nach einer Phase der Öffnung unter Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, die freie und vielfältige Medien hervorbrachte, hatten sich Mitte der neunziger Jahre eine Handvoll Oligarchen die wichtigsten Fernsehkanäle und Zeitungen unter den Nagel gerissen. Sie nutzten ihre Medien, um eigene Geschäftsinteressen zu befördern, Konkurrenten zu diffamieren und Politik zu machen. Sie sahen sich als eigentliche Präsidentenmacher.
Als im August 2000 das Atom-U-Boot "Kursk" sank, warfen wütende Angehörige der 118 ums Leben gekommene Seeleute Putin Versagen als Krisenmanager vor. "Beim Fernsehen gibt es Leute, die seit zehn Jahren daran arbeiten, die Armee und die Marine zu zerstören", brach es aus Putin heraus. Er sah Leute am Werk, die "ihr gestohlenes Geld benutzen, um alle zu kaufen". Das Fernsehen hatte gezeigt, wie Putin weiter fröhlich im Schwarzmeer-Kurort Sotschi urlaubte, während die Chancen auf Rettung der am Meeresgrund eingeschlossenen Matrosen schwanden.
Es war der Moment, als Putin beschloss, die Medien künftig selbst zu kontrollieren.

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